Interview zur Ausstellung "Irrlichter"


Kunst ein Zuhause geben: Hallo Anna, wer dich bislang als DJ und Malerin kannte, der wird sich bei deiner nächsten Ausstellung sehr über deine Arbeiten als Fotografin freuen. Seit wann hast du dir dieses Medium erarbeitet?
Anna Leopolder: Ich habe eigentlich schon immer fotografiert. Was mich aber oft gestört hat, war die mühselige Arbeit in der Dunkelkammer. Dazu bin ich vielleicht manchmal etwas zu ungeduldig! Die digitale Fotografie kommt mir da sehr entgegen, man sieht gleich, was man macht, kann verschiedene Versionen eines Fotos speichern und ist so einfach flexibler.

Kunst ein Zuhause geben
: In wie weit hängen die Malerei und die Fotografie für dich zusammen? Setzt du Ideen lieber mit der Kamera um als mit Farben?
Anna Leopolder: Es gibt durchaus Parallelen zwischen meinen Bildern und Fotos, wenn auch die "Stilmittel" sehr unterschiedlich sind: Thema ist dabei oft unwirkliche Landschaften, bei denen man zweimal hinschauen muss, bzw. sollte. Ideen in der Malerei werden oft in den Fotos aufgegriffen und umgekehrt, was ich sehr spannend finde.

Kunst ein Zuhause geben: In deiner Malerei arbeitest du weitestgehend zugunsten von Farbkompositionen abstrakt. Wie legst du Bilderwelten in deiner Fotografie an?
Anna Leopolder: Viele meiner Fotos werden, ähnlich wie in der Malerei, Schicht für Schicht angelegt, wobei die Ursprungsversion an manchen Stellen noch durchscheint, andere Bereiche werden überarbeitet.

Kunst ein Zuhause geben: Gehst du nach der Aufnahme zu Hause noch mal in deine fotografischen Werke rein und veränderst das Material, z.B. mit Programmen wie Photoshop?
Anna Leopolder: Photoshop ist bei meinen Bildkompositionen essentiell, damit können neue Ideen sofort ausprobiert werden, und ich muss sagen, das macht wahnsinnig viel Spaß!

Kunst ein Zuhause geben: Deine Berlin-Impressionen hast du vor allem im Winter gesammelt. Ist das die Jahreszeit in der du aktiver Streifzüge durch die Stadt unternimmst? Gefällt dir dann das Licht besser?
Anna Leopolder: Da ich ein Kind der Alpen bin, ist der erste Schnee, vor allem auch mal hier in Berlin wie Weihnachten! Eine dicke Schneeschicht macht aus jeder Landschaft im Handumdrehen etwas Abstraktes, da hält man einfach den Atem an und staunt. Das gleiche gilt für die Nacht - in der mehr verhüllt wird, als gezeigt.

Kunst ein Zuhause geben: Du lebst im zurzeit boomenden Kunst- und Künstlerviertel Neukölln, genauer im Reuter-Kiez. Hat die Gentrifizierung dort für dich einen Vorteil als Künstlerin erbracht?
Anna Leopolder: Ich stelle seit Jahren immer mal wieder in der Galerie R31 aus. Das war eine der ersten Galerien vor dem ganzen Boom hier - und ich bin froh, dass es sie immer noch gibt. Ansonsten kommt mir die Galerieszene wie ein ewiges Kommen und Gehen vor, ehrlich gesagt verliert man da schnell den Überblick!

Kunst ein Zuhause geben: Bei der großen Anzahl an in Berlin lebenden Künstlerinnen und Künstlern ist es oft nicht so einfach sich durchzuschlagen. Meist geht es eher ums Überleben als um Leben. Kommst du mit deinen Einkünften aus deinem künstlerischen Werk zurecht?
Anna Leopolder: Ich kann nicht klagen. Meine Einnahmen sind ein Mix aus Bildverkäufen und auch kommerziellen Fotoverkäufen. Ich meine, mehrere Standbeine sind bei freischaffenden Künstlern nie verkehrt.

Kunst ein Zuhause geben
: Wie erlebst du privat und die zurzeit einhergehenden Veränderungen?
Was sind deine bzw. deine Lieblingsausgehorte und warum?
Anna Leopolder: Tja, was soll ich sagen? Ich lebe seit Ende der 80er Jahre (mit Unterbrechungen) hier und habe immer mit Stolz die Neuköllner Fahne hochgehalten. Es war billig, uncool und echt Berlin. Das alles ist jetzt passé. Ich wohne weit und breit in der einzigen Straße, in der es kein (ehemals leeres) Ladenlokal gibt, das zu einer Kneipe umfunktioniert werden kann.

Kunst ein Zuhause geben
: Welchen Eindruck macht deine Heimatstadt nach der langen Zeit in Berlin und der Berliner Szene auf dich? Nimmst du an der Berliner Szene teil?
Anna Leopolder: Da ich jetzt in einem Alter bin, in dem man nicht mehr überall hinrennen muß, weil man Angst hat, was zu verpassen, kann ich da vielleicht nicht so mitreden. So richtig innovatives habe ich nicht mitgekriegt in letzter Zeit, was aber nicht schlecht sein muß. Erstaunlich finde ich, dass viele DJs, mit denen ich früher mal aufgelegt habe, immer noch aktiv sind - wäre ich vielleicht auch noch, wenn der Tinnitus mich nicht schon vor vielen Jahren unsanft gestoppt hätte. Ein Unterschied zu früher ist vielleicht, dass man da mehr "unter sich" war, Berlin wurde damals halt weltweit noch nicht als cool angesehen - jetzt schon, wie immer man das finden soll.

Vielen Dank für das Interview und viel Glück bei der Ausstellung!

Das Interview führte Franz Werner.